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Ökologische Ohnmachtskompetenz oder von der Souveränität in der Selbsterhaltungsmoderne



Symposium zum Thema „Ökologische Ohnmachtskompetenz“

Am 26. November 2025 hat die Niederösterreichische Umweltanwaltschaft, deren Leiter ich bin, anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens zu einem interdisziplinären ganztägigen Symposium ins AKW Zwentendorf eingeladen – und etwa 50 Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft sind dankenswerterweise dieser Einladung gefolgt.

Ausgehend von der These, dass es aktuell ein „Sehr viel“ an Gesellschaft und ein „Sehr viel“ an individueller Selbstentfaltung, aber ein „Immer weniger“ an Gemeinschaft gibt, haben wir gemeinsam in wechselseitiger wertschätzender Aufmerksamkeit in unterschiedlichen Settings an der Förderung von Kompetenz in einer Zeit der erlebten ökologischen Ohnmacht gearbeitet. Dabei wurde ich von zwei weiteren sehr kompetenten systemischen Berater:innen unterstützt.

Zu Beginn durfte ich einen soziologisch-gesellschaftstheoretischen Vortrag mit philosophischen sowie psychologischen Bezügen zum Thema halten, der in der Folge in der Großgruppe (Fishbowl) weiter bearbeitet wurde. Am Nachmittag wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eingebrachte Beiträge in zwei mal drei Kleingruppen thematisiert und die Ergebnisse in die Großgruppe transferiert.

Derzeit lasse ich das Symposium noch nachwirken und wir überlegen in Ruhe, wie weitergetan werden könnte, denn da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.

Vor allem jedoch bin ich gerade damit beschäftigt, meine bisherigen Überlegungen zum Thema „Ökologische Ohnmachtskompetenz“ zu reflektieren, um die Eindrücke aus dem Symposium zu bereichern und mich definitorischen „Fassungen“ zu nähern sowie Einordnungen zu versuchen.


Hier also der erste Beitrag mit dem Titel „Ökologische Ohmachtskompetenz oder von der Souveränität in der Selbsterhaltungsmoderne“. More to come…


Die Epochenwende: Vom Fortschritt zur Anpassung

Wir erleben gegenwärtig nicht nur eine ökologische Krise, sondern das Ende der „Moderne der Selbstentfaltung“, wie sie etwa der Soziologe Philipp Staab (*1983) beschreibt. Über Jahrzehnte war das westliche Gesellschaftsmodell auf Expansion, grenzenloses Wachstum und individuelle Selbstverwirklichung programmiert. Doch im Anthropozän stoßen wir an die biophysischen Grenzen des Planeten.

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Jenseits aller Tools: Systemisches Coaching als Oase in einer Welt von Beschleunigung und Konkurrenz


Intro

Von Steve de Shazer (1940-2005) persönlich durfte ich noch lernen, aus dem Verhalten eines Menschen zu schließen, „wer da bei der Tür hereinkommt“ (Klagende/r, Besucher/in, Kundin/Kunde oder Co-Berater/in), von Insoo Kim Berg (1934-2007), seiner Frau, hingegen – und das fand ich von Anfang an für meine Arbeit als Coach noch hilfreicher – „was bei der Beratung herauskommt“ (vgl. diesen Beitrag). Wie Menschen heutzutage in die Welt gestellt sind und wie ihnen diese begegnet – und wie wertvoll in dieser Hinsicht systemisches Coaching sein kann – darauf mag ich heute das Brennglas richten.

Gleich vorab: Dieser Beitrag hat für sogenannte „Tooligans“ wenig zu bieten – und das mit voller Absicht. Zu oft wird darüber diskutiert, welche Fragetechnik „die effektivste“, welche Formulierung „die beste“, welche Methode „die zielführendste“ sei. Die Beschäftigung mit „passgenauen“ Versprachlichungen und Tools gibt uns als Coaches ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und vermittelt eine (Schein-)Sicherheit. Selbstverständlich ist es überaus nützlich, über einen bei Bedarf professionell („aus dem Effeff“) zum Einsatz zu bringenden „Werkzeugkoffer“, eine prall gefüllte „Toolbox“, oder wie immer man das bezeichnen mag, zu verfügen. Vor allem deshalb, damit wir als BeraterInnen uns ganz der Kundschaft widmen können – etwa die „Keywords“ auch hören – ohne uns mit der Frage in unserem Kopf (denn dann gelingt das Zuhören nicht mehr) beschäftigen zu müssen, ob wir „eh nicht nur einen Hammer haben“ (denn dann dürfte ja auch nichts Anderes als ein Nagel „daherkommen“).

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„Kunst – Liebe – Religion: Theorie der Humanmedien“ von Harry Lehmann (Buchrezension)


Im Anschluss an die überaus empfehlenswerte Publikation „Ideologiemaschinen“ legt der an der Universität Luxemburg lehrende Philosoph Harry Lehmann (*1965) nunmehr mit „Kunst – Liebe – Religion: Theorie der Humanmedien“ ein bemerkenswertes Buch vor, welches ich ebenfalls uneingeschränkt jeder bzw. jedem Interessierten an Hirn und Herz legen möchte.

Lehmann folgt Luhmann und weist über diesen hinaus

Schon seit gut zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Harry Lehmann mit den „blinden Flecken“ der soziologischen Systemtheorie Luhmann´scher Prägung. Der guten Ordnung halber sei angemerkt, dass es sich hierbei um Flecken handelt, die schon Niklas Luhmann (1927-1998) selbst an diversen Stellen seines monumentalen Werks gekennzeichnet, ja als Abweichungen von seiner Theorie „ausgeflaggt“ hat, indem er beispielsweise dem Kunstsystem eine „schwache Systembildungsfähigkeit“ bescheinigte. Dabei ist es dann aber auch geblieben.

Kurz und bündig: Gesellschaftsstrukturelle funktionale Differenzierung

Im Rahmen einer Buchrezension kann zur neueren soziologischen Systemtheorie, wie sie maßgeblich von Niklas Luhmann entwickelt worden ist, nur ganz Grundsätzliches ausgeführt werden: Nach Luhmann ist Gesellschaft die Summe aller menschlichen Kommunikationen. Sie ist strukturiert durch unterschiedliche Kommunikationsmedien, welche spezielle Funktionen haben, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. In der Moderne bilden sich somit symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien aus, welche soziale Systeme steuern und gesellschaftliche Subsysteme (etwa das Rechtssystem, das politische System, das ökonomische System, usw.) schaffen. Innerhalb dieser folgen Kommunikationen einem bestimmten binären Code.

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Das Subjekt: Emanzipation, Individualisierung und flüssige (situative) Identitätsarrangements/B


Dies ist der vierte Beitrag zum Thema „Ökologische Ohnmachtskompetenz“. Bei Interesse können Sie gerne zuvor die ersten drei Teile – Teil 1, Teil 2, Teil 3 – lesen. Den Link zum thematisch anschließenden Beitrag finden Sie am Ende dieser Ausführungen.

Im letzten (Teil A) sowie in diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem flüchtig-flüssigen Ich (oder sollte es treffender schon als „gasförmig“ bezeichnet werden?) in der spätmodernen Gesellschaft, welches eine der maßgeblichen Restriktionen für eine gelingende (sozial)ökologische Transformation darstellt.

Befreiung aus der Verpflichtung zur Mündigkeit

Nach dem Auszug des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit scheint es in der Spätmoderne (als Abschnitt der zweiten Moderne, das Eintreten in eine dritte Moderne gilt es abzuwarten) nahtlos in die Befreiung aus der Verpflichtung zur Mündigkeit zu gehen. War vormals die Idee der selbstbestimmten Lebensführung um die Vorstellung ergänzt worden, dass Vernunft, Natur und Gemeinwohl so etwas wie „natürliche Grenzsteine“ für die dem Subjekt eröffneten Spielräume darstellten, womit für eine zumindest in den Grundzügen verallgemeinerbare verträgliche Lebensführung und Glücksvorstellung gesorgt wäre, so erweisen sich in der Spätmoderne Selbstentfaltung, Selbstwachstum und Selbstoptimierung als zentrale kulturelle Maximen.

Wie lässt sich das erklären? Einerseits dehnt sich der Selbstbestimmungsanspruch auf immer mehr Sphären des Lebens aus, andererseits verlieren damit die Grenzsteine Vernunft, Natur und Gemeinwohl ihre Plausibilität. Die Befreiung aus der Verpflichtung zur Mündigkeit ist die Folge.

Der Umbau der institutionellen Sphären braucht autonom handlungsfähige Subjekte

Zudem hat sukzessive ein Umbau der Institutionen stattgefunden, die nunmehr – nach je individuellen Vorlieben – autonom handlungs- und entscheidungsfähige Subjekte benötigen. Diese werden demnach Zug um Zug zum funktionalen Erfordernis moderner Institutionen. Die zeitliche Deregulierung (etwa Arbeit-Freizeit) und Ent-Institutionalisierung vieler Handlungsfelder steigert massiv den Aufwand des Subjekts für Planung, Koordination und Synchronisation der alltäglichen Handlungssequenzen und wird als Zeitnot und Stress erlebt.

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